Mundtote Meistersinger

Wieder ist ein Nürnberger Fassadenbild unter Wärmedämmung verschwunden
Als 1943 die Bomben über den Gärten bei Wöhrd niedergingen, wurde auch das Haus der Fanny Siegel in der Nunnenbeckstraße 42 ein Raub der Flammen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis das Haus 1961/1962 nach Plänen von Fannys Verwandtem, dem Architekten Gustav Siegel (1887-1967), wieder aufgebaut wurde. Siegel errichtete ein Mietshaus in zeittypischen Formen mit einer sich leicht ausmittig in der Fassade abzeichnenden Treppenhausachse. Als besonderer Schmuck huldigten dort drei Bildszenen und eine Inschrift dem Namensgeber der Straße – dem Meistersinger Lienhard Nunnenbeck (nachgewiesen 1509-1518), Lehrmeister des berühmten Hans Sachs.

© B. Leuthold Sgrafitti-Fassade Fanny-Siegel-Haus (vor der Dämmung)
© B. Leuthold
Sgrafitti-Fassade Fanny-Siegel-Haus (vor der Dämmung)

Die Szenen zeigten (von unten nach oben):

  • Nunnenbeck in seiner Leinenweberei mit Weberschiffchen und Lyra als Symbole seines Handwerks und seiner Kunst
  • eine Ansicht der Nürnberger Altstadt mit Sebaldus- und Frauenkirche, Kaiserburg, Stadtmauerturm und Kleinem Stadtwappen
  • Nunnenbecks Singschüler Hans Sachs in seiner Schusterwerkstatt, umrahmt von Schuh und Dichterross
  • und schließlich eine erläuternde Inschrift: „MEISTERSINGER NUNNENBECK HAT HANS SACHS DAS SINGEN GELEHRT“

Urheber des Wandbildes war der Dresdner Maler Otto Meister (1892-1969), der seit 1943 in Erlangen lebte. Mit Gustav Siegel arbeitete er mehrmals zusammen, etwa am Haus Engelhardt im Heugäßchen (1961) und dem Anwesen Am Sand 6 (1964), wo er das 1962 wiederbelebte Nürnberger Fischerstechen in Überlebensgröße auf die Hauswand bannte. Alle Fassadenbilder, auch jenes in der Nunnenbeckstraße, führte er als Sgraffito aus. Bei dieser Technik, die vor allem im 16. Jahrhundert in Italien und Böhmen verbreitet war, werden mehrere, teils durchgefärbte Putzlagen auf die Mauer aufgetragen, um anschließend das Bild zur Abkratzen einzelner Schichten herauszuarbeiten.

Wie bei der Kunst am Bau der Nachkriegsjahre häufig der Fall, stellte das Sgraffito eine bildliche Erläuterung des Straßennamens und seines historischen Hintergrunds dar. In einer Umgebung, die durch den Bombenkrieg ihres historischen Antlitzes fast völlig beraubt worden war, gaben solche Erinnerungen an die alte Zeit den Menschen Halt und Identität und schmückten das Straßenbild. Im Zusammenspiel von historischem Sujet und der abstrahierten Formensprache der 1960er Jahre verbanden sich der Stolz auf die Vergangenheit mit dem Zukunftsglauben der Wirtschaftswunderzeit.

© B. Leuthold Ursprüngliche Tafel Fanny-Siegel-Haus
© B. Leuthold
Ursprüngliche Tafel Fanny-Siegel-Haus

Nachdem sie unlängst mit einer dicken Wärmedämmung versehen wurde, wirkt die Fassade des Hauses Nunnenbeckstraße 42 trist und monoton. Will der ziegelrote Farbstreifen, der nun die Sgraffiti verdeckt, auch den Anschein südländischer Lebensfreude wecken – das Haus ist ohne seine Kunst am Bau so blass wie so viele unsensibel sanierte Bauten der Nachkriegsära. Dies ist kein Einzelfall: In den letzten Jahren sind zahlreiche Sgraffiti, Wandfresken und Fassadenskulpturen in Nürnberg Wärmedämm-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Da die betroffenen Bauten keinen Denkmalschutz genossen, waren der Öffentlichkeit die Hände gebunden. Die wertvollen Zeugnisse einer noch immer verkannten Epoche unserer Architekturgeschichte drohen damit zu verschwinden.

Es ist nicht zu bestreiten, dass die Fassade in ihrem gealterten Brauntönen zuletzt wenig ansehnlich aussah. Doch hätte hier nicht eine Auffrischung der Fassadenfarbe und der Sgraffiti genügt? Hätte man nicht zumindest die gestalteten Flächen aussparen können, um dem Straßenbild so eines seiner gestalterischen Höhenpunkt zu erhalten? Gewiss, der Wechsel von gedämmten und ungedämmten Flächen birgt bauphysikalische Probleme. Doch zeigen diverse Beispiele aus dem Stadtgebiet, dass es auch anders geht. Einige Hausbesitzer haben den Wert der Kunst am Bau erkannt, sie liebevoll restaurieren oder sogar nach bereits erfolgter Dämmung wieder freilegen lassen. Das Straßenbild und insbesondere das Haus Nunnenbeckstraße 42, immerhin gestaltet von einem der bekanntesten Fassadenkünstler der Nürnberger Nachkriegszeit, hätte dies ebenso verdient. Nun droht ein weiteres Zeugnis der immer seltener werdenden Fassadenkunst der 1960er Jahre für immer verloren zu gehen. Zu den möglicherweise erheblichen Schäden, die die Befestigungen der Dämmung bereits verursacht haben, kann sich im schlimmsten Falle langfristig Schimmelbildung hinzugesellen. Gegen solche Unbilden ist selbst das langlebige Sgraffito machtlos.

Wenig scheint uns heute die Baukunst der Nachkriegszeit wert zu sein. Dabei laufen wir Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und die Zeugnisse einer wichtigen Epoche der Baugeschichte aufs Spiel zu setzen. Während man in den 1950er bis 1970er Jahren rücksichtslos die Fassaden ganzer Quartiere im Stil der Gründerzeit ihres Schmucks entkleidete, zerstören wir heute die Bauten der Nachkriegszeit durch Dämmung und den Austausch von Türen, Schaufenstern und Leuchtreklame, ohne dabei die Auswirkungen auf das gesamte Bauwerk im Auge zu behalten.

© B. Leuthold Fanny-Siegel-Haus nach der Dämmung
© B. Leuthold
Fanny-Siegel-Haus nach der Dämmung

Literatur

  • Nikolaus Bencker: Kunst am Bau – Fassadenkunst der Wiederaufbauzeit in der Nürnberger Altstadt. In: Nürnberger Altstadtberichte 34, 2009, S. 81-112.
  • Siegel, Gustav. In: Manfred H. Grieb (Hg.): Nürnberger Künstlerlexikon. Bd. 1. München 2007.

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