Stadtbild-Initative für den Erhalt der Siedlung Schillingstraße

Die Stadtbild-Initiative Nürnberg tritt für den Erhalt der Siedlung Schillingstraße in Hummelstein ein, die die WBG für einen Neubau abbrechen will. Hier unsere drei Thesen für den Erhalt des Ensembles:

Stadtbildinitiative Nürnberg                                                                  4. September 2014

Drei Thesen für den Erhalt des Ensembles Siedlung Schillingstraße
zum Pressgespräch am 4. September 2014, 11 Uhr, in Nürnberg, Galvanistraße 58

(Handreichung)

„Zukunft und Erfolg brauchen Vergangenheit“

Unter dieses Motto stellte die Wohnungsbaugesellschaft Nürnberg (WBG) 2008 stolz ihre Festschrift zum 90jährigen Firmenjubiläum. Acht Jahre später droht der Verlust eines wichtigen Teils dieser Vergangenheit – der 1919 bis 1920 erbauten Siedlung an Schilling-/Sperber-/Pillenreuther und Galvanistraße (im Folgenden „Siedlung Schillingstraße“ genannt). Geht es nach den Ergebnissen des Architekturwettbewerbs „Europan 12“, soll sie einer hochverdichteten Neubebauung weichen. Die Stadtbildinitiative Nürnberg hält den Abriss der Siedlung aus sozialen, städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Gründen für verfehlt. Stattdessen fordern wir eine Sanierung unter Erhalt und Aufwertung des Ensembles. Die Anlage hat das Potential, den heutigen Bedürfnissen angepasst zu werden und sich damit zu einem zukunftsweisenden Modell für Nürnbergs Umgang mit historischer Wohnsubstanz und städtebaulich markanten Ensembles zu entwickeln. Dazu haben wir auf Basis des Leitgedankens der WBG drei Thesen entwickelt:

1. Denkmal der Vergangenheit: Die Siedlung ist von hoher architektonischer, historischer und städtebaulicher Bedeutung.

Die Wohnanlage Schillingstraße ist ein Zeugnis des Reformwohnungsbaus. Sie ist Teil einer Kette aus Siedlungen – darunter Gartenstadt, Werderau, Rangierbahnhof, Loher Moos und Fliegersiedlung–, mit denen Stadt, Genossenschaften und Unternehmen der Wohnungsnot vor und nach dem Ersten Weltkrieg begegneten. Mit dem Abbruch verlöre diese Kette ein wichtiges Glied. Sowohl die Nürnberger Altstadt in ihrer Komplexität als auch die Gründerzeitviertel werden, bezogen auf ihre spezifische Wohnqualität und ihren Stellenwert in der Stadtgeschichte, in der Öffentlichkeit als selbstverständlich erachtet. Aber auch die Siedlungen des frühen 20. Jahrhunderts, die aus der sozialen und politischen Aufbruchstimmung hervorgingen, sind ein wesentlicher Baustein der Stadtentwicklung. Dass sie bisher in ihrer Gesamtheit nicht nur so wenig Resonanz fanden, sondern nun auch dezimiert werden sollen, weist auf ein bemerkenswertes Defizit in der Auseinandersetzung mit der baulichen Erinnerungskultur unserer Stadt Nürnberg hin. Andernorts, etwa in München oder Erlangen, genießen solche Siedlungen längst Denkmalschutz, in Berlin sind sie seit 2008 sogar Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Immerhin, das Interesse wächst: Bereits über 300 Menschen haben eine Petition gezeichnet, die die Aufnahme des Ensembles Schillingstraße in die Bayerische Denkmalliste fordert.

Dem revolutionären Konzept der „Gartenstadt“ von Ebenezer Howard folgend förderten die Siedlungen den Gemeinschaftssinn der Bewohner und boten ihnen Licht, Luft und Kontakt zur Natur mit Gärten, die sie nach dem Selbsthilfeprinzip für Gartenbau und Erholung nutzten. In der im Zweiten Weltkrieg sehr stark zerstörten Südstadt ist die weitgehend intakte Siedlung mit ihren behutsamen Wiederaufbauten der 1950er Jahre ein „Fenster in die Geschichte“. Als zweites Siedlungsprojekt in der Historie der WBG ist sie ein Stück Siedlungs- und Erinnerungskultur – nicht nur für die WBG, sondern für die Südstadt und ganz Nürnberg. Im Wechsel mit der höher verdichteten Bebauung in der Umgebung dokumentiert sie städtebauliche Entwicklungen, deren zeitgeschichtliche Brüche das Stadtbild beleben und inzwischen dessen Charme ausmachen. In München-Haidhausen z.B. – einst „Glasscherbenviertel“ direkt neben repräsentativen Gründerzeitwohnblocks und Maximilianeum (Bayerischer Landtag) – haben gerade diese historischen Brüche maßgeblich dazu beigetragen, dass sich der Stadtteil zu einem beliebten und sozial diversen Quartier entwickelt hat. Auch in der Gestaltung der Fassaden mit ihren Rücksprüngen, den weiten Dachüberständen, den hohen Walmdächern und Details wie stuckierten Giebeln über den Eingängen – alles ganz im Sinne der Reformarchitektur der Errichtungszeit – drückt sich die städtebauliche Wirkung des Ensembles Schillingstraße aus. Die geplante Hochverdichtung der neuen Bebauung würde das inzwischen als malerisch gewertete Stadtbild an dieser Stelle zerstören.

2. Zeugnis für den Erfolg der WBG: Die Siedlung besitzt hohen Wohnwert.

Die Siedlung verfügt über ein stabiles Nachbarschaftsnetzwerk; die Langzeitmieter identifizieren sich mit „ihrer“ Siedlung. Abgesehen von der aktuellen Form der Kurzzeitunterbringung in einem Teil des Geländes findet man hier ein intaktes soziales Umfeld vor, ein Mikroabbild der diverskulturellen Südstadt. Eine hochverdichtete Neubebauung mit geplantem hohem Anteil an Eigentumswohnungen würde die kleinteiligen nachbarschaftlichen Strukturen, die die Identität der Siedlung und ihrer Bewohner prägen, zerstören. Die meisten Alteingesessenen würden entwurzelt, da sie sich Mieten oder gar Wohneigentum im Neubau nicht leisten könnten. Der Gentrifizierung würden Tür und Tor geöffnet. Durch eine solide Sanierung, die den finanziellen Möglichkeiten der Bewohner angepasst ist, würden die alten Strukturen bewahrt. Obwohl die WBG die Gemeinnützigkeit offiziell einbüßen musste, sollte sie den gemeinnützigen Gründungsgedanken nicht über Bord werfen. Ebenso wie die soziale Verantwortung gegenüber den Mietern und den Nürnberger Bürgerinnen und Bürgern ist die Gemeinnützigkeit wesentlicher Teil der Unternehmensidentität. Dies gilt genauso für die Stadt Nürnberg als einhundertprozentige Eigentümerin der WBG.

Die Wohnungsgrößen entsprechen der Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt, auf dem es immer mehr Kleinsthaushalte mit ein oder zwei Personen gibt. Die Wohnungsschnitte können durch Herausnahme von Wänden optimiert und Einheiten zusammengelegt werden – so geschehen etwa in der Preussensiedlung in Berlin, deren Sanierung 2012 mit dem Landesdenkmalpreis ausgezeichnet wurde. Die Aufrüstung der Heizanlage mit Fernwärmeanschluss, die Erneuerung der Dachhaut und der Fenster würden den energetischen Standard ohne Schaden für das architektonische Erscheinungsbild erheblich verbessern.

3. Siedlung mit Zukunft: Das Ensemble Schillingstraße hat Entwicklungspotential – auch ohne Abriss und Neubau.

Anders als die WBG halten wir eine Instandsetzung aufgrund der gut erhaltenen Substanz und Bauqualität für realistisch. Die solide Ausführung der Gebäude und liebevolle Details wie Kunstschmiedegeländer an den Treppen und Stuckornamente an den Fassaden belegen dies. Wir schlagen vor, zur Instandsetzung einen spezialisierten Architekten zu benennen, etwa den auf die Sanierung von Siedlungsbauten spezialisierten Architekten Winfried Brenne. Im Rahmen eines Vorzeigeprojekts könnten die Bewohner in die Instandsetzung und gemeinschaftlichen Pflege der Häuser und Grünanlagen (Stichwort „Urban Gardening“) einbezogen werden – ganz im Sinne des Selbsthilfe- und Solidaritätsprinzips der Gründerjahre. Dadurch können die bestehenden sozialen Strukturen erhalten werden. Auch alternative und zukunftsweisende Wohnformen wie Mehrgenerationenwohnen sind vorstellbar.

Unser Plädoyer

Noch ist nichts verloren. Noch kann die WBG die Weichen neu stellen und dem Stadtbild ein Ensemble von städtebaulicher und sozialgeschichtlicher Bedeutung bewahren. Bei der Sanierung der 1918 bis 1922 erbauten Siedlung Ostendstraße hat die WBG jüngst gezeigt, dass sie ihre Tradition hochzuhalten weiß und im besten Sinne jener Gemeinnützigkeit, die ihre Identität ausmacht, handeln kann. Wir fordern die gleiche Chance für das Ensemble Siedlung Schillingstraße. Wir fordern eine Zukunft für unsere Vergangenheit.

Einige historische und aktuelle Bilder zum Ensemble

So sah es in den 30er Jahren aus:

Der Wiederaufbau der zwei durch Bomben zerstörten Häuser:

Heutige Situation:

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