Pressegespräch zum Bahnhof Märzfeld

Heute findet am Bahnhof Märzfeld ein Gespräch mit Vertretern der Presse statt. Darin erläutern Vertreter der Stadtbild-Initiative Nürnberg ihre Forderung an Deutsche Bahn und Stadt, einen würdigen Umgang mit dem „Opferort“ zu finden und Wege zur dessen Erhaltung zu finden. Nachfolgend finden Sie unsere Handreichung zum Pressegespräch:


Nürnberg, im April 2014

Handreichung für das Pressegespräch am 30.4.2014, 18 Uhr

im Fußgänger-/Radfahrerdurchgang unter dem ehemaligen Deportationsbahnhof Märzfeld (nach dem 2. Weltkrieg: Bahnhof Langwasser)

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NS-Hinterlassenschaften in Nürnberg – Plädoyer für die Erhaltung und den würdigen Umgang mit einem Opferort
Der Deportationsort Bahnhof Märzfeld –

1. Historischer Hintergrund

Im Rahmen der Planungen für das Reichsparteitagsgelände wurde ab 1934 die Ringbahn südlich von Nürnberg vollkommen neu trassiert. Die ursprüngliche Trassenführung vom weit vor der Stadt gelegenen Rangierbahnhof hatte die Rangierbahnhof-Siedlung im Südosten umfahren und war südlich des Städtischen Stadions in die Fernbahnlinie Regensburg-Nürnberg eingemündet. Ebenso wie der Verlauf der alten Allersberger Straße war diese Streckenführung den Großprojekten des Reichsparteitagsgeländes im Wege und wurde kurzerhand neu verlegt.

Um die Teilnehmermassen zu den Großveranstaltungen zu bringen entstanden die vier Bahnhöfe Zollhaus, Märzfeld (später „Haltepunkt Langwasser“), Fischbach und Dutzendteich, von denen drei heute dem Verfall preisgegeben sind. Der Bahnhof Märzfeld wurde erstmals 1938 für die Reichsparteitage genutzt. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wandelten die Machthaber die Teilnehmerlager in Kriegsgefangenenlager und Zwangsarbeiterlager um. Dazu wurde die vorhandene Infrastruktur genutzt und es wurden weitere Baracken errichtet.

1941 und 42 fanden von hier aus auch drei Deportationen nordbayerischer Juden in die Vernichtungslager im Osten statt. Dazu wurden die Menschen per Polizeikraftwagen durch die Gestapo an ihren Wohnorten abgeholt und in das Sammellager Langwasser gebracht. Da das SA- und das HJ-Lager fast vollständig mit Kriegsgefangenen belegt waren, ist anzunehmen, dass man die jüdische Bevölkerung im sogenannten Waldlager an der Zollhausstraße sperrte. Dort wurden auch die mitgebrachten Wertsachen und sonstigen Gegenständer abgenommen.

Initiator der Aktion war der Nürnberger Polizeipräsident und SS-Brigadeführer Dr. Benno Martin, die Durchführung besorgte Kriminalrat SS-Sturmbannführer Dr. Theodor Grafenberger, Leiter des „Judenreferats“ der Gestapo Nürnberg-Fürth. Das Sammellager sollte außerhalb der Stadt liegen und überdies über einen Bahnanschluss verfügen. Insofern bot sich der Bereich Langwasser mit dem leistungsfähigen achtgleisigen Bahnhof Märzfeld besonders an.

Vom Lager mussten die Menschen noch ungefähr einen Kilometer zum Bahnhof laufen. Die Deportation wurde im Auftrag der SS von Richard Nickel gefilmt. Der Film gilt als verschollen, einige Fotographien der Deportation sind jedoch erhalten. Am 29. November 1941 fand der erste Transport von 512 Nürnberger Juden und 500 weiteren aus Fürth, Bamberg, Bayreuth und Würzburg statt. Sie wurden ins Konzentrationslager Jungfernhof bei Riga gebracht. Nur 16 von ihnen überlebten. Am 24. März folgte ein zweiter Transport mit 462 Nürnberger Juden ins Lager Izbica bei Lublin, dem dann am 25. April noch ein dritter mit zum zweiten Termin übersehener oder nicht transportfähiger Juden aus Nürnberg, Fürth, Würzburg und Bamberg in das Lager Kraznizyn im Bezirk Lublin folgte. Von diesen Transporten überlebte niemand.

Literatur:

  • Alexander Schmidt: Geländebegehung. 4. Auflage. Nürnberg 2005. S. 233ff.
  • Bernd Windsheimer: Langwasser – Geschichte eines Statteils. Nürnberg 1995. 69ff.
  • Siegfried Zelnhefer: Die Reichsparteitage der NSDAP in Nürnberg. Nürnberg 2002.

2. Überlegungen zur Schaffung eines Gedenkortes

2.1 Zur Bedeutung des Opferortes und dem bisherigen Umgang damit

Die Deportation der nordbayerischen Jüdinnen und Juden von Langwasser aus macht den ehemaligen Bahnhof Märzfeld zu einem ganz besonderen Gedenkort, der dringend in ein Gesamtkonzept zum Umgang mit dem ehemaligen Reichparteitagsgelände eingebunden werden muss. Besonders wichtig ist, dass bei der laufenden Diskussion um den Erhalt der Bauten am Zeppelinfeld andere wichtige Orte des Reichsparteitagsgeländes nicht aus dem Blickfeld geraten bzw. wider ins Blickfeld gerückt werden.

  1. An wenigen Stellen wird die Verknüpfung der Reichsparteitage als Vorbereitung von Krieg und Vernichtung so deutlich wie an dieser Stelle. Die Schaffung der Infrastruktur und Bewältigung der Menschenmassen während der Reichsparteitage weist klar und deutlich auf die Mobilisierung der Massen im Krieg und Holocaust hin. Der auch als Ruine noch bedrückend wirkende Bahnhof Märzfeld mit seinen langen Tunneln und Schaufassaden spiegelt dies auch heute noch wider.
  2. Hier betraten die zur Vernichtung vorgesehenen Menschen ein letztes Mal heimatlichen Boden. Die Mischung aus Verwahrlosung und scheinbar kalkuliertem Verfall und die damit verbundene Verdrängung dieses Täterortes aus dem öffentlichen Bewusstsein ist ein Skandal nicht nur für Nürnberg sondern auch für den Eigentümer des Geländes und darüber hinaus die gesamte nordbayerische Region.
  3. Eine nach 2006 nach jahrzehntelangem Schweigen im Rahmen des Leitsystems für das ehemalige Reichsparteitagsgelände aufgestellte Stele steht weitgehend beziehungslos im toten Winkel zwischen dem U-Bahn-Betriebswerk und dem Osttunnel. Sie ist für Ortsunkundige nicht auffindbar und durch spätere Umzäunung des Geländes nur sehr beschränkt lesbar. Gruppen können hier überhaupt nicht stehen bleiben. Darüber hinaus zeigt die Stele inzwischen ebenfalls Zeichen von Verwahrlosung.

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2.2 Erste Überlegungen für einen differenzierten Umgang mit der Hinterlassenschaft

  • Vordringlich: Umgehend Sicherung und Erhalt des gesamten noch vorhandenen Baubestandes
  • Wiederherstellung des Osttunnels als Fußweg und Fahrradachse, Sicherung der Decke und der Wände
  • Vernünftige Neuplatzierung der bestehenden Info–Tafel : Öffnung des Zaunes vor der noch erhaltenen Schaufassade, Schaffung von Raum im Vorfeld auch für ein Mahnmal
  • Entfernung der Vermauerung der Aufgänge zu den Bahnsteigen
  • Entwicklung eines Konzeptes für den Gedenkort auch unter künstlerischem Aspekt z. B.
  • Auflistung der Namen und Herkunftsorte der Ermordeten
  • Panzerglasscheibe mit Bildes der Deportation
  • Verweis auch auf die Lagergeschichte
  • Einbezug in ein Gesamtkonzept Lernort Reichsparteitagsgelände, hier auch: vernünftige Ausschilderung, Begehung eines Bahnsteiges – evtl. zunächst nur im Rahmen von geführten Rundgängen bei entsprechender Sicherung
  • Fernziel: Schaffung einer Dauer-Ausstellung zu den Deportationen aus Nordbayern im Westtunnel und zur Geschichte Langwassers

Hierzu sind nötig: umgehende Aufnahme von Gesprächen zwischen der Stadt Nürnberg, dem Land Bayern und dem Bund sowie dem Eigentümer (Immobilienverwaltung der DB).

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Bilder vom Pressegespräch am 30.4.2014, 18 Uhr:

Pressespiegel: Bahnhof Märzfeld

Michael Husarek: Gesucht: Konzept für den Bahnhof Märzfeld. In: Nürnberger Nachrichten, 16. November 2015.

Michael Husarek: Gedenkstätte in unwürdigem Zustand. In: Nürnberger Nachrichten, 21. Oktober 2014.

Wolfgang Heilig-Achneck: SPD will Bahnhof Märzfeld retten. In: Nürnberger Nachrichten, 9. Mai 2014.

Michael Husarek: Standpunkt: Vergangenheit verpflichtet. In: Nürnberger Nachrichten, 6. Mai 2014.

Thomas Correll: NS-Bahnhof verfällt. In: Nürnberger Nachrichten, 6. Mai 2014.

Meike Ledermann: Aktion gegen das Vergessen. In: Nürnberger Zeitung, 4. Mai 2014.