Sgraffito am Wöhrder Pfarrhaus von Dämmung bedroht

Kaum anderswo in Nürnberg waren die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs so drastisch wie in Wöhrd. Die Nachkriegszeit baute den Stadtteil auf altem Grundriss, aber in zeitgenössischen Formen wieder auf. Dabei entstanden einige interessante Kratzputzbilder (Sgraffiti), die die Fassaden der ansonsten schlichten Bauten verschönern.

Eines dieser Bilder ist nun in Gefahr: Das Pfarrhaus der evangelisch-lutherischen Bartholomäusgemeinde am Weinickeplatz soll mit einer Fassadendämmung versehen werden. Das monumentale Sgraffito des Künstlers Kurt Busch, das gleichzeitig als Sonnenuhr dient, würde dadurch verschwinden. Es zeigt die Heilige Familie auf dem „Schiff der Kirche“ mit den Personifikationen von Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Verheißung der Versöhnung Gottes mit den Menschen wird durch die „Galionsfigur“ der Taube mit dem Ölzweig als Zeichen für das Ende der Sintflut verdeutlicht.

Wir finden: Wöhrd hat gerade in den letzten Jahren so viel an seiner durchaus erhaltenswerten Substanz der Nachkriegszeit einbüßen müssen. Ein prägendes und kunsthistorisch wertvolles Fassadenbild darf nicht einfach aus dem Stadtbild verschwinden! Derzeit prüft das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, ob das Pfarrhaus oder zumindest das Wandbild in die Bayerisch Denkmalliste aufgenommen wird. Wir drücken die Daumen!

Foto: © Boris Leuthold, 2017

 

Gerettet: Bauernhaus Schnepfenreuther Hauptstraße 65

Gerne teilen wir mit Ihnen die Freude über eine großartige, eine sehr positive Überraschung: das Bauernhaus in der Schnepfenreuther Hauptstraße 65 hat sein Gesicht wieder, und welches! Sehen Sie selber das Ergebnis auf den beigefügten aktuellen Fotos (© Boris Leuthold, 2016):


Vor gut zwei Jahren hatten wir feststellen müssen:  588 Jahre Hausgeschichte unter 15 Zentimetern Außendämmung – Die Sandsteinfassade des Bauernhauses Schnepfenreuther Hauptstraße 65 erstickt unter Polystyrol. Das Bauernhaus Schnepfenreuther Hauptstraße 65 bot damals ein trauriges Bild. Die mit Gesimsen und dekorativen Schnecken versehene Sandsteinfassade des unter Denkmalschutz stehenden Anwesens hatte die Eigentümerin mit einer Außendämmung aus aschgrauen Polystyrolplatten versehen lassen; hier noch einmal Bilder vom damaligen Zustand (© Boris Leuthold, 2014):

Und die NN schrieb: „Baudenkmal verliert sein Gesicht – Ein historisches Bauernhaus von 1803 wurde mit dicken Styroporplatten gedämmt. Ein über 200 Jahre altes Bauernhaus in Schnepfenreuth ist kaputtsaniert worden. Jetzt hat der Denkmalschutz die Bauarbeiten gestoppt.“ (NN v. 4.3.2014)

Sie erinnern sich: Die Dämmarbeiten wurden nach unserer Intervention, nach den öffentlichen Berichten und aufgrund des Eingreifens der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Nürnberg gestoppt. Die Dämmung wurde wieder entfernt. Unklar war damals, wie es weitergeht, ob eine Dämmruine auf Dauer bleiben würde. Heute dürfen wir mit Freude feststellen, dass sich die Eigentümerin dann doch dazu entschlossen hat, das Anwesen denkmalgerecht zu restaurieren. Sie hat so sich selbst und ihrem Heimatdorf ein Stück gebaute Identität bewahrt.

Betrachtet man das Ergebnis der Hausrenovierung im Detail, so erkennt man, dass die Eigentümerin fachlich gut beraten wurde, und dass sie Könner als ausführende Handwerker beauftragt hat: Die Sandsteinfassade leuchtet; die Gesimse, die dekorativen Schnecken und die Fassadenbänder sind wieder hergerichtet; die historischen Jahreszahlen sind gut lesbar; der Schlussstein thront oben wieder über dem Ganzen; Fensterläden, geteilte Fenster und ein schlichter Fassadenputz an der Straßenfront und am Nebenhaus runden den Eindruck ab. Gratulation!

In der Rieppelstraße verschwindet Baukunst unter Dämmplatten

In der Siedlung an der Rieppelstraße am Hasenbuck greift der Dämmwahn um sich: Die in den 1920er Jahren erbauten Mietshäuser werden Zug um Zug mit einer Dämmung versehen, die zu allem Überfluss auch noch in schreienden Farben gestrichen werden. Die reizvollen Details der Fassaden wie die Betonung der Hausecken durch rote Klinkersteine und Gesimse wurden bereits zum Teil abgeschlagen. Die Kellerzonen aus Klinker hat man schon mit billig wirkenden Fliesen verkleidet, eine Art der Verunstaltung, die man spätestens seit den 1980er Jahren ausgestorben glaubte.

Die Stadtbild-Initiative Nürnberg hat bereits versucht, mit der Wohnungsgenossenschaft Nürnberg Süd-Ost darüber ins Gespräch zu kommen – bislang ohne Erfolg. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, eine Mitteilung an die Presse zu senden, einmal eine Auge auf diese architektonisch, städtebaulich und auch energetisch fragwürdige Maßnahme zu werfen. Anbei lesen Sie unsere Mitteilung an die Lokalpresse:


 

Aus Häusern mit Charakterfassaden werden charakterlose Allerweltsbauten

Die Wohnungsgenossenschaft Nürnberg Süd-Ost lässt seit einigen Wochen die Fassaden und Fenster ihrer Häuser in der Rieppelstraße renovieren (teilweise auch wärmedämmen). Die Fassaden waren gekennzeichnet durch über Eck eingefügte Terrakotta-Bänder, umlaufende Geschoßbänder, Fenster- und Türrahmungen, geteilte Fenster und Sockel aus farbigen Sandsteinziegeln. Bei einem Großteil der Häuser sind diese Charakteristika inzwischen verschwunden. Stattdessen sind modisch-farbige Allerweltsfassaden entstanden. Am letzten Haus in der Rieppelstraße und an den dahinterliegenden Bauten kann man die frühere Fassadengestaltung noch „erleben“ (siehe anhängende Bilder).Die Stadtbild-Initiative Nürnberg hat dies nur zufällig mitbekommen. Wir haben dann versucht, mit der Wohnungsgenossenschaft Nürnberg Süd-Ost Kontakt aufzunehmen, um (auch zusammen mit dem Energieexperten in unseren Reihen von Stadtökologie Nürnberg) Alternativen zu diskutieren. Leider haben wir keine Antwort erhalten.

Am morgigen Freitag (03.06.2016) weiht der Bürgerverein Nürnberg-Hasenbuck um 16:30 Uhr das wiederhergestellte Rieppel-Denkmal am Hasenbuck ein. Möglicherweise werden Sie vor Ort sein. Dann sollten Sie die Chance nutzen und einen kleinen Rundgang durch die Rieppelstraße und die dahinterliegende Wohngegend machen, um sich eine eigene Meinung zu den aktuellen Veränderungen zu bilden.

Als Hintergrundinformation fügen wir einige Zeilen zur Entstehungsgeschichte der Wohnbebauung am Hasenbuck und ein paar Bilder zum „bisher“ und „jetzt“ in der Rieppelstraße bei.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

für die Stadtbild-Initiative Nürnberg

Elmar Hönekopp

Verschärfte Auflagen für Wärmedämmungen aus Polystyrol stehen bevor

Gibt es bald verschärfte Auflagen für den Anbau von Fassadendämmungen aus Polystyrol? Zu hoffen wäre es auf Grund der letzten Feuerkatastrophen an gedämmten Fassaden, bei denen sogar Menschen zu Tode gekommen sind. In jedem Fall tut ein kritischer Blickwinkel auf das Thema „energetische Sanierung“ nach wie vor Not. Unsere Kinder werden es uns danken, wenn wir ihnen nicht noch mehr Altlasten und noch mehr verschandelte Fassaden hinterlassen als ohnehin schon – dafür aber Häuser, die sinnvoll fit gemacht sind für die Zukunft und trotzdem eine Zier für unsere Stadtbilder sind.

Hier der aktuelle Pressebericht: Güven Purtul: Feuer an der Fassade. In: Süddeutsche Zeitung, 23. Juli 2015.

Fassadendämmung rentiert sich oft erst nach 51 Jahren

Eine aktuelle Studie belegt: Die Dämmung einer Altbaufassade zahlt sich für den Eigentümer oft erst nach 51 Jahren aus – sofern er die Früchte seiner Investition überhaupt noch miterlebt. Dieses Ergebnis sollte Anreiz sein für die Besitzer stadtbildprägender Gebäude, anderen Maßnahmen für Klimaschutz und Kosteneinsparung am Haus – etwa der Fenster- und Heizungssanierung – den Vorzug zu geben. Davon profitieren nicht nur Geldbeutel und Umwelt, sondern auch das Stadtbild, dem seine historischen Fassaden erhalten bleiben.

Kaputtgedämmt: Äußere Sulzbacher Straße 132

So unglaublich es klingen mag: Dieses Haus hat man mit dem Ziel gedämmt, es gleich nach Abschluss der Maßnahme zu verkaufen. Die Ausführung ist aus architektonischer und städtebaulicher Sicht ein Desaster: Durch das Abschlagen der dezenten Simse und Fensterrahmungen haben die Fassaden jegliche Struktur verloren. Die Fenster sind durch die Dämmung nun wesentlich kleiner, haben ihre Bogenabschlüsse verloren und lassen nun weniger Licht in die Innenräume. Die Dachgauben schließlich sind viel zu groß dimensioniert und erschlagen das Gebäude regelrecht durch ihre Dominanz und die grell glänzende Titanzink-Verblechung.

Beim Anblick des seelenlosen, grellgelben Klotzes stellt sich die Frage, ob man durch die Sanierung die Verkaufschancen nicht eher verschlechtert als gefördert hat. Dass eine solche  Maßnahme in Ermangelung rechtlicher Handhabe im direkten Umfeld des historischen Friedhofes von Sankt Jobst geduldet werden muss, ist schwer zu verkraften.

Vorher © B. Leuthold
Vorzustand (© Boris Leuthold, 2014)
"Kaputtgedämmt" – Weitere Beispiele
Zustand nach Sanierung (© Boris Leuthold, 2014).

 

 

 

 

Aus für die „Goldene Krone“

Vom typischen Charakterhaus zur Standardfassade

Vor über einhundert Jahren, im Jahr 1909, erscheint in den Adressbüchern erstmals das Gasthaus „Goldene Krone“ in der Schloßstraße 31 zu Gleißhammer. Damals befand es sich im Besitz der Fuhrwerksbesitzers David Friedrich. 1912 bewirtschaftete es Georg Jäckel und nach ihm Friedrich Mändel. Das Haus, in dem sich die Gaststätte befand, stand damals schon viele Jahre – mindestens seit 1899, dem Jahr, in dem Gleißhammer nach Nürnberg eingemeindet wurde, das sich im Zuge der Industrialisierung mehr und mehr über seine einstigen Grenzen hinaus ausbreitete. Bauherr war vermutlich Zimmerermeister Georg Luber, der 1902 als Eigentümer nachweisbar ist.

Der namentlich nicht bekannte Planfertiger schuf für Luber ein typisches Vorstadthaus mit zwei Vollgeschossen und einem hohen Mansarddach, in dem bei ausreichender Raumhöhe zusätzlicher Wohnraum untergebracht werden konnte. Im Hofbereich hinter dem Wohn- und Gasthaus entstanden zusätzlich mehrere Rückgebäude, vermutlich Werkstätten und Lagerflächen. Bis 2014 blieb die Fassade des Hauses an der Schloßstraße mit ihrer einfachen, aber wirkungsvollen Gliederung in Formen des Klassizismus mit Traufgesims, Blendfeldern, profilierten Fensterrahmungen und einem Portal aus Haustein weitgehend erhalten.

Nach dem Aus für das Gasthaus „Goldene Krone“ und der Nutzungsänderung zum reinen Wohngebäude ist der neue Bauherr nun jedoch drauf und dran das historische Erscheinungsbild des Hauses zu ruinieren: Die Fassade zur Schloßstraße wurde bereits mit dicken Wärmedämmplatten versehen, unter denen die klassizistischen Fensterrahmungen und das Traufgesims verschwunden sind. Nun ist das Haus von einem eintönigen Mantel aus Polystyrol umgeben, der die ursprünglichen Proportionen und das fein abgestimmte Fassadenrelief zerstört hat. Mehr noch, neben den historischen Nachbarhäusern, die ihr Erscheinungsbild der Jahrhundertwende weitgehend erhalten haben, wirkt das Haus Schloßstraße 31 nun wie ein Fremdkörper. Der bis zuletzt trotz großer Kriegsverluste recht anschaulich überlieferte Charakter der Vorstadtstraße mit ihren Gründerzeitbauten hat schweren Schaden genommen.

Ein solch unsensibler Raubbau an einem der ältesten Gebäude der ganzen Straße im Besonderen und dem Straßenbild insgesamt zeigt, welch irreparablen Schaden die einseitige Schwerpunktsetzung auf Energieeffizienz dem Stadtbild zufügen kann. Welchen Sinn hat ein bauliches Umfeld, das zwar vermeintlich Energiekosten spart und den CO2-Ausstoß verringert, dafür aber den Wohnwert durch monotone Fassadenflächen und konfektionierte Baustoffe ohne Individualität und Geschichte vernichtet? Eine „schöne neue Welt“ in der Monotonie knallbunt gestrichener Häuserfronten mit Wärmeverbundsystem wird die identitätsstiftende Vielfalt eines historisch gewachsenen Straßenbildes nie ersetzen können. Auch das historische Wirtsanwesen „Goldene Krone“ hätte eine sensiblere Behandlung verdient.

Fortsetzung folgt (Endzustand).

Mundtote Meistersinger

Wieder ist ein Nürnberger Fassadenbild unter Wärmedämmung verschwunden
Als 1943 die Bomben über den Gärten bei Wöhrd niedergingen, wurde auch das Haus der Fanny Siegel in der Nunnenbeckstraße 42 ein Raub der Flammen. Es dauerte fast 20 Jahre, bis das Haus 1961/1962 nach Plänen von Fannys Verwandtem, dem Architekten Gustav Siegel (1887-1967), wieder aufgebaut wurde. Siegel errichtete ein Mietshaus in zeittypischen Formen mit einer sich leicht ausmittig in der Fassade abzeichnenden Treppenhausachse. Als besonderer Schmuck huldigten dort drei Bildszenen und eine Inschrift dem Namensgeber der Straße – dem Meistersinger Lienhard Nunnenbeck (nachgewiesen 1509-1518), Lehrmeister des berühmten Hans Sachs.

© B. Leuthold Sgrafitti-Fassade Fanny-Siegel-Haus (vor der Dämmung)
© B. Leuthold
Sgrafitti-Fassade Fanny-Siegel-Haus (vor der Dämmung)

Die Szenen zeigten (von unten nach oben):

  • Nunnenbeck in seiner Leinenweberei mit Weberschiffchen und Lyra als Symbole seines Handwerks und seiner Kunst
  • eine Ansicht der Nürnberger Altstadt mit Sebaldus- und Frauenkirche, Kaiserburg, Stadtmauerturm und Kleinem Stadtwappen
  • Nunnenbecks Singschüler Hans Sachs in seiner Schusterwerkstatt, umrahmt von Schuh und Dichterross
  • und schließlich eine erläuternde Inschrift: „MEISTERSINGER NUNNENBECK HAT HANS SACHS DAS SINGEN GELEHRT“

Urheber des Wandbildes war der Dresdner Maler Otto Meister (1892-1969), der seit 1943 in Erlangen lebte. Mit Gustav Siegel arbeitete er mehrmals zusammen, etwa am Haus Engelhardt im Heugäßchen (1961) und dem Anwesen Am Sand 6 (1964), wo er das 1962 wiederbelebte Nürnberger Fischerstechen in Überlebensgröße auf die Hauswand bannte. Alle Fassadenbilder, auch jenes in der Nunnenbeckstraße, führte er als Sgraffito aus. Bei dieser Technik, die vor allem im 16. Jahrhundert in Italien und Böhmen verbreitet war, werden mehrere, teils durchgefärbte Putzlagen auf die Mauer aufgetragen, um anschließend das Bild zur Abkratzen einzelner Schichten herauszuarbeiten.

Wie bei der Kunst am Bau der Nachkriegsjahre häufig der Fall, stellte das Sgraffito eine bildliche Erläuterung des Straßennamens und seines historischen Hintergrunds dar. In einer Umgebung, die durch den Bombenkrieg ihres historischen Antlitzes fast völlig beraubt worden war, gaben solche Erinnerungen an die alte Zeit den Menschen Halt und Identität und schmückten das Straßenbild. Im Zusammenspiel von historischem Sujet und der abstrahierten Formensprache der 1960er Jahre verbanden sich der Stolz auf die Vergangenheit mit dem Zukunftsglauben der Wirtschaftswunderzeit.

© B. Leuthold Ursprüngliche Tafel Fanny-Siegel-Haus
© B. Leuthold
Ursprüngliche Tafel Fanny-Siegel-Haus

Nachdem sie unlängst mit einer dicken Wärmedämmung versehen wurde, wirkt die Fassade des Hauses Nunnenbeckstraße 42 trist und monoton. Will der ziegelrote Farbstreifen, der nun die Sgraffiti verdeckt, auch den Anschein südländischer Lebensfreude wecken – das Haus ist ohne seine Kunst am Bau so blass wie so viele unsensibel sanierte Bauten der Nachkriegsära. Dies ist kein Einzelfall: In den letzten Jahren sind zahlreiche Sgraffiti, Wandfresken und Fassadenskulpturen in Nürnberg Wärmedämm-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Da die betroffenen Bauten keinen Denkmalschutz genossen, waren der Öffentlichkeit die Hände gebunden. Die wertvollen Zeugnisse einer noch immer verkannten Epoche unserer Architekturgeschichte drohen damit zu verschwinden.

Es ist nicht zu bestreiten, dass die Fassade in ihrem gealterten Brauntönen zuletzt wenig ansehnlich aussah. Doch hätte hier nicht eine Auffrischung der Fassadenfarbe und der Sgraffiti genügt? Hätte man nicht zumindest die gestalteten Flächen aussparen können, um dem Straßenbild so eines seiner gestalterischen Höhenpunkt zu erhalten? Gewiss, der Wechsel von gedämmten und ungedämmten Flächen birgt bauphysikalische Probleme. Doch zeigen diverse Beispiele aus dem Stadtgebiet, dass es auch anders geht. Einige Hausbesitzer haben den Wert der Kunst am Bau erkannt, sie liebevoll restaurieren oder sogar nach bereits erfolgter Dämmung wieder freilegen lassen. Das Straßenbild und insbesondere das Haus Nunnenbeckstraße 42, immerhin gestaltet von einem der bekanntesten Fassadenkünstler der Nürnberger Nachkriegszeit, hätte dies ebenso verdient. Nun droht ein weiteres Zeugnis der immer seltener werdenden Fassadenkunst der 1960er Jahre für immer verloren zu gehen. Zu den möglicherweise erheblichen Schäden, die die Befestigungen der Dämmung bereits verursacht haben, kann sich im schlimmsten Falle langfristig Schimmelbildung hinzugesellen. Gegen solche Unbilden ist selbst das langlebige Sgraffito machtlos.

Wenig scheint uns heute die Baukunst der Nachkriegszeit wert zu sein. Dabei laufen wir Gefahr, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und die Zeugnisse einer wichtigen Epoche der Baugeschichte aufs Spiel zu setzen. Während man in den 1950er bis 1970er Jahren rücksichtslos die Fassaden ganzer Quartiere im Stil der Gründerzeit ihres Schmucks entkleidete, zerstören wir heute die Bauten der Nachkriegszeit durch Dämmung und den Austausch von Türen, Schaufenstern und Leuchtreklame, ohne dabei die Auswirkungen auf das gesamte Bauwerk im Auge zu behalten.

© B. Leuthold Fanny-Siegel-Haus nach der Dämmung
© B. Leuthold
Fanny-Siegel-Haus nach der Dämmung

Literatur

  • Nikolaus Bencker: Kunst am Bau – Fassadenkunst der Wiederaufbauzeit in der Nürnberger Altstadt. In: Nürnberger Altstadtberichte 34, 2009, S. 81-112.
  • Siegel, Gustav. In: Manfred H. Grieb (Hg.): Nürnberger Künstlerlexikon. Bd. 1. München 2007.

Schnepfenreuther Hauptstraße 65 von Styropor befreit

Das Haus nach Rückbau der illegalen Fassadendämmung (© Boris Leuthold, 2014).

Nach dem Einschreiten der Bauordnungsbehörde muss die illegale Fassadendämmung am Haus Schnepfenreuther Hauptstraße 65 wieder entfernt werden. Auch die sattsam bekannten Ausreden der Eigentümerin, man habe nicht um den auf dem Haus ruhenden Denkmalschutz gewusst, halfen nichts. Nun bleibt abzuwarten, ob und wie gut die Schäden durch die unsachgemäße Dämmmaßnahme zu reparieren sind.

Zu den jüngsten Entwicklungen berichteten heute die Nürnberger Nachrichten ausführlich.

 

588 Jahre Hausgeschichte unter 15 Zentimetern Außendämmung

Die Sandsteinfassade des Bauernhauses Schnepfenreuther Hauptstraße 65 erstickt unter Polystyrol

Das Bauernhaus Schnepfenreuther Hauptstraße 65 bietet dieser Tage ein trauriges Bild. Die mit Gesimsen und dekorativen Schnecken versehene Sandsteinfassade des unter Denkmalschutz stehenden Anwesens hat die Eigentümerin mit einer Außendämmung aus aschgrauen Polystyrolplatten versehen lassen. Die Anker, die zur Befestigung gebohrt wurden, haben tiefe Wunden in die über 200 Jahre alte Fassade gerissen. Wie sich herausstellte, war die Dämmung nicht genehmigt – die Bauordnungsbehörde hat weitere Arbeiten untersagt. Der Schaden ist noch nicht absehbar. Von dem auf ihrem Haus ruhenden Denkmalschutz habe die Eigentümerin nichts gewusst. Zeit, einmal die Geschichte des altehrwürdigen Anwesens aufzurollen.

Am Anfang war ein Fachwerkhaus

Bereits in dem um 1425 verfassten „Wachstafelzinsbuch der Reichsveste zu Nürnberg“ ist das Haus verzeichnet. Damals gehörte es dem Bauern Hanns Rabnolt, der es als Lehen von den Nürnberger Burggrafen erhalten hatte. Diese verkauften Schnepfenreuth 1427 an die Reichsstadt Nürnberg. Wie das Haus damals aussah, wissen wir nicht.

Erst eine im Staatsarchiv Nürnberg aufbewahrte Zeichnung überliefert uns in naiver Isometrie das Aussehen des Hauses im Jahr 1719: Es handelte sich um einen Bau aus Sichtfachwerk mit Satteldach – in der Silhouette dem heutigen Haus recht ähnlich. Der schlechte Zustand und die Beengtheit seines Hofes bewogen Besitzer Hans Sippel einen Neubau zu beantragen. Dieser sollte zwar wieder in Fachwerk ausgeführt, mit 54 mal 35 Nürnberger Werkschuh (das sind etwa 16,4 mal 10,6 Meter) jedoch deutlich größer werden als sein Vorgänger und auf einem Sockel aus Sandstein sitzen. Im Inneren wollte Sippel die althergebrachte Raumanordnung des Knoblauchsländer Wohnstallhauses beibehalten: Vom zentralen Ern (Flur) gelangte man in die Erdgeschossräume, den Stall, die Küche, die beiden Schlafkammern und die Stube, die mit einem Hinterlader-Kachelofen beheizt werden sollte. 1724 wurde das Haus dann tatsächlich neu gebaut.

Haus mit barockem Gesicht

Als Besitzer des Hauses folgten Peter (nachgewiesen 1731) und Erhard Sippel (1791) sowie Konrad Lebender (1823). Vielleicht war es Erhard Sippel, der sein Haus 1803 mit einer mächtigen Sandsteinfassade in barocken Formen versah, die an den Traufen mit schneckenartigen Reliefs (Voluten) und einem Firstgiebel mit Jahresinschrift geschmückt wurde. Auf diese Weise haben viele Hausbesitzer des Knoblauchslandes im 18. und 19. Jahrhundert ihre Häuser „veredelt“ und ihrem Stolz und wachsenden Wohlstand Ausdruck verliehen. Bereits im Jahr 1734 ließ auch der Eigentümer des nahe gelegenen Anwesens Schnepfenreuther Hauptstraße 78, das ebenfalls unter Denkmalschutz steht, sein Haus auf diese Weise umgestalten.

Der Landwirt Johann Simon Höfler, dessen Familie über Jahrhunderte das Nachbaranwesen Nr. 63 besessen hatte, war 1923 – dem Jahr, in dem Schnepfenreuth nach Nürnberg eingemeindet wurde, – Eigentümer des Hauses Nr. 65 und blieb es bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Wahrscheinlich schon bei der Erstellung der ersten Bayerischen Denkmalliste in den 1970er Jahren wurde es unter Schutz gestellt.

Haus ohne Gesicht?

Nun ist das Haus, das auf eine fast 600jährige Geschichte zurückblickt, in Gefahr. Dass die Eigentümerin versucht, die Unterhaltskosten für das Haus durch eine klimaeffiziente Modernisierung zu verringern, ist angesichts rasant steigender Energiepreise verständlich. Doch dies sollte auf eine Weise geschehen, die dem Anwesen sein historisches Antlitz belässt.

Im Augenblick droht die Sandsteinfassade mit ihren Voluten, die so charakteristisch für die Bauernhäuser des Nürnberger Umlandes sind, unter einer Schicht aus Dämmstoff zu ersticken. Der verzierte Firstgiebel, auf dem der Besitzer 1803 stolz den Umbau des Hauses festhielt, lag vergangenen Donnerstag zerbrochen auf dem Hof. Mit dem Verlust dieses Baudenkmals droht auch das ursprünglich von historischen Sandsteinfassaden geprägte Dorf Schnepfenreuth noch mehr von seinem Charakter zu verlieren. Wir müssen uns fragen: Was sind uns unsere alten Dorfkerne und ihre baulichen Zeugnisse wert? Was bleibt von der Geschichte und Kultur des Knoblauchslandes, wenn wir zulassen, dass ihr buntes, in Jahrhunderten gestaltetes Antlitz unter Dämmstoff und nivellierendem Putz verschwindet?

Die Denkmalschutzbehörde hat diese Baumaßnahme zwar inzwischen gestoppt; ob dies aber letztlich Erfolg haben wird? Entscheidend ist, dass sich die Besitzerin des Hauses Schnepfenreuther Hauptstraße 65 dazu entschließt, das Anwesen denkmalgerecht zu restaurieren und sich selbst und ihrem Heimatdorf so ein Stück gebaute Identität zu bewahren.

Zur Nachlese der Presseartikel von Claudine Stauber: Baudenkmal verliert sein Gesicht, Nürnberger Nachrichten, Nr. 52, 4. März 2014, S. 10.

Quellen und Literatur

  • Darstellung der (Bau-)Denkmäler und Geschichte Schnepfenreuths durch Dr. Friedrich August Nagel (Stadtarchiv Nürnberg, C 20/II Nr. 110). Blätter 151 und 152.
  • Das Wachstafelzinsbuch der Reichsveste zu Nürnberg von etwa 1425 und das Reichslehenbuch der Herren von Berg aus dem Jahre 1396. Bearb. von Gustav Voit. Nürnberg 1967 (Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg, 7).
  • Die Stadt Nürnberg. Bearb. von Wilhelm Schwemmer (Bayerische Kunstdenkmale). 2. Aufl. München 1977.
  • Persönliche Mitteilungen von Dr. Michael Metzner, Verein Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.