Haus ohne Gesicht?

Das Anwesen Heroldstraße 10 und seine geplante Sanierung

Es ist erstaunlich, wie wenig sich in mancher Hinsicht die Ansprüche an die Wohnarchitektur zwischen der Zeit um 1900 und unseren Tagengewandelt haben. Damals wie heute legte man bei der äußeren Gestaltung seines trauten Heims großen Wert auf Repräsentation. Lediglich der Schwerpunkthat sich verschoben: Verlangte der Bauherr der Jahrhundertwende noch nach einer möglichst aufwendigen Fassadengestaltung und bediente sich dafür beherzt im reichen Formenfundus der Architekturgeschichte, hat „Repräsentation“ für den von Energiekrise und Klimaerwärmung gebeutelten Bauherrn von heute oftmals ein ganz anderes und nicht unbedingt attraktives Gesicht: eine Fassadendämmung, die einem jeden Passanten – und vor allem möglichen Mietern und Kaufinteressenten – unmissverständlich zeigen soll: Hier lebt und baut ein umwelt- und finanzbewusster Mitmensch. Zahlreiche vorbildlich sanierte Altbauten belegen, dass historischer Charakter und zeitgemäße Energieeffizienz eine durchaus harmonische Symbiose eingehen können. Einfühlungsvermögen, differenzierte Planung und ein gewisses Bewusstsein für den Wert historischerArchitektur auf Seiten des Bauherrn und des Planers sind dabei freilich Voraussetzung. Welche verheerenden Auswirkungen ein Mangel dieser Kompetenzen bzw. eine mangelnde Bereitschaft, diese Kompetenzen anzuwenden, auf das Stadtbild haben kann, zeigt das Beispiel des Mietshauses Heroldstraße 10, oder besser: was mit ihm geschehen soll.

Die Heroldstraße, östlich der Bucher Straße und südlich des Nordrings gelegen und nach dem Nürnberger Rotschmied Wolf Hieronymus Herold (1627–1693) benannt, wurde um 1900 erschlossen. Allen Kriegsschäden und oftmals wenig einfühlsamen Sanierungen zum Trotz prägen noch heute eine Reihe ansehnlicher Fassaden der Jahrhundertwende das Straßenbild, darunter die des 1904 errichteten Wohn- und Geschäftshauses Nr. 10*). Zusammen mit der ihm gegenüber liegenden „Restauration zum Deutschen Herold“ und dem Eckhaus Nr. 1 gehört es zu den architektonischen Blickfängen des Straßenzugs. Nachdem der Bauherr, der Nürnberger Privatier Georg Beck, zunächst eine Gestaltung in den Formen des seinerzeit populären Nürnberger Stils erwogen hatte, in dem sich Elemente der lokalen Gotik und Renaissance vermischen, griff er letztlich doch auf den Plan des Architekten Johann W. Ammon zurück. Dem Haus wurde eine Fassade in dezenten klassizistischen Formen vorgeblendet. Über einem mit Sandstein verkleideten Erdgeschoss setzen sich schlichte, aber wirkungsvoll und detailreich gearbeitete Gesimse, Pilaster und Fenstereinfassungen aus Sandstein in reizvollem Kontrast von den dazwischen liegenden Mauerflächen aus Backstein ab. Das zeittypische Mansarddach mit hölzernen Gauben und hoch aufragenden Schornsteinen sowie die kleinteilige Dachdeckung aus Biberschwanzziegeln vervollständigen das Bild eines typischen Nürnberger Mietshauses des späten Historismus. Auch nach heutigen Maßstäben ein schmuckes und repräsentativesAnwesen im besten Sinne des Wortes, möchte man meinen.

Der jetzige Eigentümer der Immobilie ist offenbar anderer Meinung: Nachdem das Haus über Jahre stark vernachlässigt worden war, erwarb es 2011 ein Nürnberger Immobilienunternehmen mit der anerkennenswerten Absicht, das altehrwürdige Anwesen aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Da das Gebäude durch Umbauten und Kriegsschäden im Inneren ohnehin nur noch wenig erhaltenswerte Substanz aufweist, ist die Entkernung kein großer Verlust. Unverständlich ist jedoch die Absicht des Bauherrn, die noch fast vollständig im Zustand von 1904 erhaltene Fassade mit einem monotonen Vollwärmeschutz zu versehen. Mit dieser Maßnahme würde das Haus buchstäblich seines Gesichts beraubt. Mehr noch: Auch die malerische Dachlandschaft soll der Visualisierung zu Folge (vgl. zweites Bild oben) einer lieblosen Neugestaltung mit kubischen Gauben, einer Dachterrasse und für Nürnberg völlig untypischen dunklen Dachpfannen weichen. Anstelle eines historischen Mietshauses, das in Form und Material deutlich den Bezug zur lokalen Bautradition und zu seiner Entstehungszeit verrät, träte ein disproportionaler, monolithischer Fremdkörper, der jedwede Beziehung zu seinen Nachbargebäuden und zum ursprünglichen  Erscheinungsbild des Hauses vermissen ließe. Das bislang weitgehend intakte Ensemble gründerzeitlicher Mietshäuser, das den südlichen Abschnitt der Heroldstraße prägt, würde damit zerstört.

Die aktuelle Planung ist umso befremdlicher, als es dem Bauherrnbei zwei anderen Projekten (in der Schnieglinger Straße 102 und der Arndtstraße 17) gelungen ist, Alt und Neu in einen stimmungsvollen Einklang zu bringen – wenngleich unter den Auflagen des Denkmalschutzes. Bei der Sandsteinfassade des Hauses Adamstraße 41 konnte die Intervention von Bürgern, Interessenverbänden und der Stadtverwaltung eine ähnliche Verunstaltung der Fassade, wie sie nun für die Heroldstraße geplant ist, verhindern. Es steht außer Frage: Energiesparen ist richtig und wichtig. Und auch die wirtschaftlichen Interessen von Bauunternehmern, Mietern und Vermietern müssen bei der Sanierung von Altbauten berücksichtigt werden. Dennoch muss angesichts der brachialen Kompromisslosigkeit, mit der man hier den historischen Charakter eines über hundert Jahre alten Hauses zu Gunsten der Energieeinsparung und Wirtschaftlichkeit zu opfern bereit ist, die Frage gestattet sein: Hat das Haus Heroldstraße 10 – auch ohne den Schutz der staatlichen Denkmalpflege – nicht eine würdigere Behandlung verdient, die seinem ästhetischen und historischen Wert Rechnung trägt? Durch Maßnahmen, die sich weit weniger verhängnisvoll auf das äußere Erscheinungsbild des Anwesens auswirken würden – etwa der Erneuerung der Heizanlage, dem Einbau geeigneter Fenster sowie einer Dämmung der Dachinnenflächen und der ohnehin weitgehend schmucklosen Hoffassaden – wäre bereits viel gewonnen. Ist es wirklich nötig, der Energieeinsprung das Gesicht eines gut erhaltenen und repräsentativen Hauses zu opfern, wenn weniger drastische Maßnahmen bereits erhebliche Ersparnisse gewährleisten? Zudem ist die dekorative Fassade eines alten Hauses bekanntlich ein nicht zu unterschätzender Faktor auf dem Immobilienmarkt, macht sie doch einen maßgeblichen Anteil seiner Attraktivität aus.  Allein, was bleibt von dieser Attraktivität, wenn alles, was den nostalgischen Charme des Objekts ausmacht, hinter einem Vollwärmeschutz verschwindet? Eine Fassadenverkleidung wäre nicht mehr rückgängig zu machen, denn dazu müssten die vorstehenden dekorativen Fassadenteile abgeschlagen werden. Erneut würde das Nürnberger Stadtbild um eine individuelle und gut erhaltene Altbaufassade ärmer – die Heroldstraße verlöre ihre architektonische Geschlossenheit.

Der Bauherr sollte sich bewusst machen: Die Nachfrage nach Altbauwohnungen ist größer als je zuvor – und gründerzeitliche Fassaden sind eine immer seltener werdende und vor allem nicht nachwachsende Ressource. Eine fachgerechte und sensible Sanierung des historischen Anwesens Heroldstraße 10, die neben den Erfordernissen modernen Wohnkomforts auch die Geschichte des Hauses berücksichtigt, würde nicht nur dem Nürnberger Stadtbild, sondern auch der Attraktivität der Immobilie zu Gute kommen.

*) Dank an Frau Dr. Claudia Maué für die Bereitstellung von Informationen zur Geschichte des Anwesens.

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